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Pachten zur Römerzeit

I Vorgeschichte des Ortes I

Aufgrund der geschützten und verkehrsgünstigen Lage, der wahrscheinlich bereits im ersten vorchristlichen Jahrzehnt bewohnten römischen Siedlung bei Pachten sowie aufgrund von Einzelfunden aus älteren Kulturen liegt die Vermutung nahe, dass dieser Teil des Saartales bereits in vorrömischer Zeit als Siedlungsplatz geschätzt wurde.

Nun errichteten die Kelten ihre mit Stroh gedeckten Häuser allerdings als Holz- und Fachwerkbauten, so dass mögliche Überreste die Zeit bis heute nicht überdauert haben; lediglich die während der römischen Zeit errichteten Steinbauten sind uns – zumindest in Form von Fundamenten – erhalten geblieben. Sonstige Hinweise oder Überlieferungen aus vorrömischer Zeit sind nicht vorhanden. Mit der Niederlage des letzten keltischen Heerführers, Vercingetorix, in der Schlacht von Alesia im Jahr 52 v. Chr. begann der unaufhaltsame Niedergang der keltischen Kultur und der gleichzeitige Aufstieg der griechisch-römischen Kultur auch in unserer Gegend. Auch die Tatsache, dass die römische Kultur die keltische sehr stark überlagert hat bzw. mit ihr zur gallo-römischen Kultur verschmolzen ist, hat dazu geführt, dass über mögliche Siedlungen im Raum Dillingen in vorrömischer Zeit nichts bekannt ist.

Diesen Umstand beschreibt Jean Markale im Einleitungssatz seines Buchs »Die Druiden – Gesellschaft und Götter der Kelten« sehr treffend mit folgenden Worten:

»Seit dem Jahr 52 unserer Zeitrechnung haben die Völker Westeuropas vergessen, wer sie einmal gewesen sind.«

 

 

I Geografische Lage und Geschichte I

Der gallo-römische Vicus Contiomagus im Ortsbereich des heutigen Pachten lag im Grenzgebiet der keltischen Stämme der Mediomatriker und der Treverer und gehörte zur römischen Provinz Belgica. Hier kreuzten sich die beiden römischen Fernstraßen Straßburg-Trier und Metz-Mainz. In unmittelbarer Nähe des Vicus mündete die Prims in die Saar, wenige Kilometer nördlich davon die Nied, und gegenüber der Siedlung konnte die Saar ohne Brücke über eine Furt durchquert werden.

Der Vicus selbst war ein dorfähnlicher Zusammenschluss ohne Verwaltungsaufgaben, dessen Einwohnerschaft überwiegend aus Händlern und Handwerkern bestand und lag entlang zweier Straßen. Im Südosten der Siedlung konnte ein frührömisches Gräberfeld (Margarethenstraße) lokalisiert werden, im Westen die Werkstätten der Handwerker (u. a. Buntmetallgießerwerkstatt im Antoniusweg und Töpferei in der Brühlstraße); im Nordwesten befand sich eine Tempelanlage und später das Kastell.

Die folgende Karte zeigt den Standort des Vicus innerhalb des römischen Straßennetzes.

Lage von Contiomagus im römischen Fernstraßennetz

Nach der Eingliederung in das Römische Reich entwickelte sich die Siedlung zu einem prosperierenden Ort, der im 1. und 2. Jahrhundert  n. Chr. seine Blütezeit erlebt hat. Die vorhandenen Siedlungsreste stammen mehrheitlich aus dem 3. und 4. nachchristlichen Jahrhundert und lassen auf einen gewissen Wohlstand im antiken Pachten schließen: die Häuser bestanden aus mehreren Räumen mit verglasten Fenstern, verfügten über Hypokaustheizungen und eigene Brunnen und waren zumindest teilweise mit farbigem Wandputz ausgestattet; daneben wurden bei Grabungen Metall- und Glasgegenstände gefunden sowie viel Keramik.

Brandschichten und vergrabene Münzschätze belegen, dass Contiomagus während der Germaneneinfälle 275/276 n. Chr. geplündert und gebrandschatzt, danach aber wieder aufgebaut wurde. Das Vorhandensein eines Kulttheaters und einer Tempelanlage sprechen dafür, dass der Ort nach seinem Wiederaufbau auch wieder eine gewisse Bedeutung erlangt haben musste. Die zunehmenden Germaneneinfälle gegen Ende des 3. Jahrhunderts führten dazu, dass wohl zum Schutz der Straßenkreuzung und der Furt und auch zum Schutz durchziehender römischer Truppen ein Kastell errichtet wurde, dem das Kulttheater und die Tempelanlage weichen mussten – allerdings wurden Kastell und Siedlung bereits Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr. infolge der fränkischen Landnahme aufgegeben. Beim Neubau der Kirche 1891 stieß man auf Gräber der Merowinger, die mit römerzeitlichen Steinen eingefriedet waren bzw. bei denen die Toten auf römerzeitlichem Estrich bestattet waren. Dies deutet darauf hin, dass die aufgegebene Siedlung möglicherweise von Merowingern genutzt wurde, zumindest als Friedhof.

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I Das spätrömische Kastell I

Nach den Befunden der Forschungsgrabungen der Jahre 1961 bis 1963 hat das Kastell einen fast quadratischen Grundriss mit 134 m x 152 m bei einer Mauerstärke von 2,9 m.

Alle vier Ecken waren mit quadratischen Türmen (6,73 m Seitenlänge, Mauerstärke 2,25 m) bewehrt. Umstritten ist die Zahl der Zwischentürme; aufgrund der o. g. Grabungen dürften sich aber an der Nord- und Südseite jeweils zwei Zwischentürme befunden haben, während es an der West- und Ostseite vier Zwischentürme waren, da sich hier aller Wahrscheinlichkeit nach die Toreingänge befunden haben. Innenbauten konnten nicht nachgewiesen werden, wohl aber Reste einer zeitlich früheren Tempelanlage in der Südostecke – eine weitere Kultstätte wird übrigens im Bereich der Kirche vermutet. Im Fundament wurden bei den Grabungen Sandsteinquader mit Namenseinritzungen gefunden, die als Sitzsteine eines Kulttheaters aus der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts gedeutet werden.

Ebenfalls noch nicht eindeutig geklärt ist die Frage nach dem Zeitpunkt des Kastellbaus. Unter anderem der Fund einer Konstantinsmünze (röm. Kaiser von 306-337 n. Chr.) lässt aber eine Datierung auf die konstantinische Zeit zu. Die späte Datierung und das Fehlen einer Innenbebauung legen die Vermutung nahe, dass es sich beim Pachtener Kastell nicht um ein Limeskastell zur Sicherung der römischen Gebietsansprüche aus der Anfangszeit der römischen Eroberung gehandelt haben kann, sondern dass es als Lager für durchziehende Truppen gedacht war, um die sich hier kreuzenden Römerstraßen und die Furt zu sichern. Ende des 4./Anfang des 5. Jahrhunderts wurde das Kastell zusammen mit dem Vicus bereits wieder aufgegeben.

Auf der folgenden Karte ist die Lage des Kastells innerhalb des heutigen Pachten dargestellt.

Lage des Kastells im heutigen Pachten

 

Das nachfolgende Bild zeigt den Nachbau eines Kastellturms im »Römerpark« von 2009. Links im Hintergrund ist gerade noch erkennbar der Turm der mittelalterlichen Siersburg, rechts am Bildrand ein Teil der Westwall-Anlage Bunker WH 11! Welche geografische und strategische Bedeutung dem Ort zukommt, mag man daran ermessen, dass seit fast 2 000 Jahren in diesem Bereich Festungsanlagen errichtet werden!

Nachbau des Kastellturms im Römerpark

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I Nachforschungen I

Dass Pachten auf eine römische Siedlung zurückgeht, ist bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts bekannt. In seiner Schrift »Histoire de Lorraine« beschrieb der Augustinermönch Dom Calmet 1757 schon die römische Straße vom Herapel durch den Warndt zu einem Ort bei Saarlouis namens »Paten«. Gut 100 Jahre später befasste sich der Justizrat und Notar Nicolas Motte aus Saarlouis mit dem römerzeitlichen Pachten. In seiner Handschrift »Manuscrit tiré des archives mêmes de Sarrelouis et de ses environs« berichtet er von der Ausgrabung eines römerzeitlichen Gebäudes sowie vom Fund des so genannten »Merkursteins«. Im gleichen Zeitraum begann auch der damalige Dillinger Pfarrer Philipp Schmitt (1805-1856) mit ersten gründlichen Nachforschungen über das antike Pachten. In seinem 1850 erschienen Buch »Der Kreis Saarlouis und seine nächste Umgebung unter den Römern und Celten« berichtet er über den Befund (S. 32f):

»Bei der großen Dürre des Jahres 1842 waren viele Fundamente in den Kleestücken auf das genaueste ausgezeichnet, indem unmittelbar über ihnen der Klee völlig verdorrt war, während er grade am Rande der Mauer, ohne Zweifel durch den Kalk und Salpeter derselben, noch kräftiger stand, als weiterhin, so, dass man damals, wenn die ganze Flur mit Klee besät gewesen wäre, das ganze alte Dorf hätte zeichnen können. Nur an wenigen Orten waren die Fundamente verwühlt. In dem Getreide und den Kartoffelfeldern waren dieselben wohl gut bemerkbar, aber doch weniger bestimmt gezeichnet. Ich habe damals Alles, was ganz bestimmt war, in die Flurcharte gezeichnet, in der Absicht, bei nächster Dürre die Arbeit fortzusetzen.«

Teile dieser von Pfarrer Schmitt entdeckten Fundamentreste gehörten zu einem römischen Kastell, wie Georg Balzer bereits 1865 feststellte. Die erste systematische Grabung im Bereich des Kastells fand 1891 durch das Provinzialmuseum Trier statt, gefolgt von einer weiteren Museumsgrabung im Jahr 1935 unter der Leitung von Erich Gose. Weitere Forschungsgrabungen fanden – wie oben bereits erwähnt – in den Jahren 1961 bis 1963 statt.

Im Zuge der Bauarbeiten anlässlich der Saarkanalisierung wurde 1985 ein Teil der von der Saar zur Siedlung und zum Kastell führenden Straße aus dem 2. Jahrhundert entdeckt.

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I Das Brandgräberfeld in der Margarethenstraße I

Bei Bauarbeiten in der Margarethenstraße wurde 1950 durch Zufall ein Brandgräberfeld entdeckt – bis in die 1960er Jahre konnten im Bereich zwischen der Margarethenstraße und der Wilhelmstraße über 500 Gräber dokumentiert werden. Besonders interessant waren die Funde von Terrakotta-Figuren, die vermutlich als Grabbeigaben in Kindergräbern deponiert waren.

 

I Zum römischen Ortsnamen I

1847 wurde in der Gewann »Nachtweide« beim Pflügen ein Votivstein gefunden, der dem Gott Merkur gewidmet war. Dieser von Nicolas Motte beschriebene so genannte »Merkurstein« trägt folgende Inschrift:

DEO MERCVRIO C
OLONI CRVTISIO
NES FERVNT DE
SVO PER DANN
VM GIAMILLVM

Merkur-Stein

Übersetzen kann man diese Inschrift mit:

»Dem Gott Merkur errichteten diesen Weihestein die Kolonen des/von Crutisio durch Dannus Giamillus.«

Kolonen waren im Grunde nichts anderes als Bauern, die von einem Gutsherrn abhängig waren. Also ging man davon aus, dass sich in der Nähe von Pachten zumindest ein größerer Gutshof befunden haben musste, auf dem diese Kolonen lebten. Insofern lag die Vermutung nahe, dass der Votivstein eine Weihegabe der Einwohner von Crutisio war – Crutisio wäre demnach der Name des gallo-römischen Ortes gewesen. Gut 100 Jahre später, am 22.10.1955, wurde jedoch bei Ausschachtungsarbeiten das Bruchstück eines weiteren Votivsteins gefunden (s. Abb. unten).

Das Bruchstück lag in Zweitverwendung im Fundament eines Eckturms des Kastells und trägt folgende Inschrift:

. O . D .
. T . PRITONAE . DI
VINAE . SIVE . CA . .
IONI . PRO . SALVTE
VICANORUM CONTI
OMAGI . ENSIVMTER
TINIUS MODESTUS
F . C . V . S .

Übersetzen liesse sich diese Inschrift wie folgt:

»Der göttlichen Pritona oder der Caprio für das Heil der Bewohner von Contiomagus geweiht von Tertinius Modestus.«

Contiomagus-Stein

 

Durch die Nennung des Ortsnamens CONTIOMAGVS gilt der ursprünglich angenommene Name Crutisio als widerlegt! Die Deutung der ersten und letzten Zeile der Inschrift ist aufgrund der verwendeten Abkürzungen und der starken Verwitterung umstritten!

Auch die Bedeutung des Ortsnamens ist noch nicht eindeutig geklärt. Ging man ursprünglich davon aus, dass der Name eine Zusammensetzung aus dem lateinischen Begriff »contio« (= Zusammenfluss) und dem keltischen Begriff »magos« (= Marktort) ist, neigt man heute eher dazu, in dem Ortsnamen eine Zusammensetzung mit einem keltischem Namen zu sehen, d. h. »Contios« und »magus« = Marktort des Contios.

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I Die Gebäude am Hylborn I

Außerhalb des Vicus, an der Straße von Dillingen nach Beckingen, wurden in den 1970ern die Reste von fünf Gebäuden freigelegt, zum Teil mit Hypokaustheizung. Besonders erwähnenswert ist der Fund einer hölzernen Wasserleitung aus ausgehöhlten Eichenstämmen, die durch Eisenmuffen miteinander verbunden waren und durch die frisches Quellwasser zu den Gebäuden gelangte – die dendrochronologische Untersuchung einer Deichel konnte das Jahr, in dem der Baum gefällt wurde, auf 163 n. Chr. datieren. Die weitere dendrochronologische Untersuchung der übrigen gefundenen Hölzer ergab eine gesicherte Bebauung von 90 v. Chr. bis 234 n. Chr.!

Demnach wurde der Bau bereits in keltischer Zeit begonnen und in gallo-römischer Zeit fortgesetzt. Eine Nutzungszeit von über 300 Jahren ist für reine Wohngebäude jedoch sehr ungewöhnlich und darüber hinaus entspricht der Grundriß der Gebäude auch nicht dem typischen Grundriss einer damaligen Villa. Deshalb wird auch die Meinung vertreten, dass es sich bei den Gebäuden nicht um eine reine Wohnanlage gehandelt hat, sondern um eine Kultanlage (Quellheiligtum).

Für diese Annahme würde auch ein weiterer Fund sprechen: Mosaikfußböden in einigen Räumen! Mosaikböden galten auch in der Antike als Luxus und waren vor allem in öffentlichen Gebäuden oder Thermen anzutreffen oder aber in den Villen sehr wohlhabender Eigentümer. Ein besonderer Fund vom Hylborn ist das Bruchstück eines Hakenkreuzmosaiks mit links- und rechtsdrehenden Kreuzen, das heute im Museum Pachten ausgestellt ist.

Hakenkreuzmosaik vom Hylborn

Gegen die Annahme eines Heiligtums spricht jedoch die Tatsache, dass bei den Grabungen keinerlei Votivgaben gefunden wurden!

 

 

I Das Christentum in Pachten I

Beim Abbbruch der mittelalterlichen Kirche (1891) entdeckte man während der Arbeiten einen Grabstein, der die

folgende Inschrift trägt:

HIC IN PACE Q
VI ESCIT VR
SVS INNOCEN
S QVI VIXIT
AN III D XLVI

Die Übersetzung lautet:

»In Frieden ruht hier der unschuldige Ursus, der drei Jahre und 46 Tage gelebt hat.«

Das Besondere an diesem auf die Zeit um 350 n. Chr. datierten Grabstein ist das von zwei Tauben flankierte Christus-Monogramm unter der Inschrift, das belegt, dass das Christentum hier bereits sehr früh Fuß gefasst haben musste.

Ursus-Stein

 

Für diese Annahme spricht ebenfalls das Maximin-Patrozinium der Kirche in Pachten (der später als Heiliger verehrte Maximin war Bischof von Trier und verstarb 346) und die ungewöhnliche SSW-NNO-Ausrichtung der Kirche, die den Baufluchten der Gebäude im Vicus Contiomagus entspricht. Das Original des »Ursus-Steins« ging während des Zweiten Weltkrieges verloren – der oben abgebildete Abguss des Originals befindet sich in der Kirche St. Maximin.

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